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Kraut im Ohr

– Folge 36 –
Kräuter-Essay: Löwenzahn,der König der Wiese

SHOWNOTES

Zauberer, Verwandlungskünstler, Leber-Lebens-Elixier. Der Löwenzahn spielt mit Stärke und Leichtigkeit. Er ist Orakel und Stoffwechsel-Booster. Er sprengt jeden Asphalt und vielleicht auch deine tiefsten Geheimnisse.

In jedem Fall ist er weit mehr als ein lästiges Unkraut, das sich in den Ritzen deiner Einfahrt breit macht. Lass ihn zu dir, lass ihn wirken. Spätestens nach den gut zehn Minuten dieser Folge wirst du wissen, warum.

FOLGENNOTIZEN

Wie gern geben wir seine Poesie an dich weiter, zum Beispiel mit einem ganz zauberhaft-witzigen Reim:

Josef Guggenmoos (1922-2003) - Gedicht über
einen verblühten Löwenzahn

Wunderbar
stand er da
im Silberhaar.

Aber eine Dame,
Annette war ihr Name,
machte ihre Backen dick.
Machte ihre Lippen spitz,
blies einmal, blies mit Macht,
blies ihm fort die ganze Pracht.

Und er blieb am Platze
zurück mit einer Glatze.

Aber auch in der Küche kickt er ziemlich. Achtung – Löwe!

Rezept für Kringel-Spaghetti

Pflücke pro Person eine gute Handvoll Stängel.
In 2-3 Streifen teilen und in mit 1-2 EL Wasser gesalzenes warmes Wasser legen.
Mindestens 30 Minuten warten.

Mit Tomatensauce und Kernen servieren.
Du kannst sie sogar danach trocknen und im Jahreslauf immer mal mitkochen.

Eingelegte Löwenzahn-Blütenknospen

Zutaten 

200 ml Apfelessig
100 ml Wasser
1 TL Salz
1 TL Honig
gut 2 Handvoll Knospen
Öl

Zubereitung 

Alles aufkochen und 2 Minuten sieden lassen, anschließend 2 Stunden abtropfen lassen und in verschließbare Gläser füllen und mit Öl auffüllen.

Verwendete Musik
https://freesound.org/people/ShortRecord/sounds/529610/

TRANSKRIPT

Löwenzahn, der König der Wiese

Wusstest du, dass der Löwenzahn vollkommen magisch?
Löwenzahn weiß zum Beispiel, wann du heiratest. Wenn du drei Knospen frischen Löwenzahns zu dir nimmst, dann bleibst Du das ganze Jahr über gesund. Was will man mehr in diesen Zeiten?

Taraxacum officinales, sein lateinischer Name klingt sogar schon wie ein Zauberspruch. Erfahre nun mehr über diesen Zauber, der dem zwar von vielen be- und erkannten, doch weitgehend unbeachteten Kraut innewohnt. Lasst uns dem Verwandlungskünstler huldigen, der sich wie keine andere Pflanze aus einer dunkelgrünen BlattRosette in der Wiese in unfassbarer Leichtigkeit in den blauen Himmel schraubt und der als das LEBER LEBENS ELIXIER schlechthin gilt.

Das Zauberkraut

Das Faszinierende am Löwenzahn ist die Spannung, die aus seiner erdenschweren Kraft und aus der flaumigen Leichtigkeit entsteht – Hast Du Lust dadrauf? Vielleicht nähern wir uns erst mal ganz spielerisch.
Denn:

Selbst der Kräuterei eher fernstehende Menschen lädt der Löwenzahn zur Spielerei und zum Orakeln ein. Löwenzahn macht Wünsche wahr. Stelle seiner flauschigen Samenkugel eine Frage und puste sie in den Sommerhimmel. Na? Wie viele Schirmchen bleiben noch stehen? Haben sie eine Antwort für dich parat? Wie viele Kinder bekommst Du? Wie viele Männer tauchen in deinem Leben noch auf? Wie viele Jobwechsel stehen an? Kein Spiel, der Löwenzahn weiß vieles.

Die Sache mit dem Löwenzahn ist nämlich überhaupt kein Pappenstil, oder vielleicht doch? Kinder pappen sich mit dem Milchsaft gerne Blütenblätter ins Gesicht, der aus seinem Stiel kommt.
Papperlapapp – zurück zum ganzen Zauber des aufblühenden Lebens, das du jetzt im Frühling aus seiner Anmut schöpfen darfst.

Zähne zeigen

Also, geh mal raus und schaue nach unten auf die Augenweide, die sich vor dir entfaltet. Erblickst du diesen mächtigen Freund, der dir mit seinen Zähnen ein Lächeln schenkt? Sein Zahn-Kranz durchfurcht die Wiese in vollendeter Kreisform. Du erkennst Löwenzahn eigentlich ganz leicht und doch hat der Gute so viel Phantasie. Kein Blatt gleicht dem anderen. Fleischig und dick geädert verweisen sie auf die innewohnenden inneren Kräfte.

Gut, ein paar gelbe Doppelgänger wollen wir zumindest erwähnen, auch wenn keine Gefahr von ihnen ausgeht: Da sind die freundlichen Habichtskräuter, die leuchtenden Ferkelkräuter oder der ehrenvolle Wiesenbocksbart, aber – sie alle sind essbar.
Schau noch mal genauer und nähere dich gefahrlos und ohne Maulkorb seinen Zählen. Sehen sie nicht aus wie die Zähne des Königs der Wüste? Eben Löwen-Zähne?

Wegen der Ähnlichkeit seiner Blätter mit einem Löwengebiss stand der König der Tiere jedenfalls Pate für den König der Wiese, beide mächtig, kraftvoll, kämpferisch.

Ja und diese Zähne können sich in uns verbeißen und kurz gesagt Giftstoffe ausleiten, all unseren Wohlstandskrankheiten die Zähne zeigen und unsere Stress-Symptome lindern.
Wenn man ihn lässt, vergräbt er sich sogar noch tiefer. Bis in die düstersten Ecken unserer Psyche vermag sein Strahlen zu leuchten.
In ZAHN steckt AHN.

Tatsächlich ist das kein platter Reim, sondern eine weltumpannende Verbindung, die bereits in der Traditionellen Chinesischen Medizin ihre Anwendung gefunden hat. Zähne sind konzentrierte Erbmasse. Zähne überstehen selbst 1200 Grad, Zähne bleiben von uns am längsten übrig, wenn wir ansonsten nicht mehr sind. Wir beißen und bibbern, wir haben Biss oder kauen auf einer Sache rum.

Löwenzahn-Wurzelpulver löst Familienthemen, diesen Zahn können wir uns manchmal also selbst ziehen. Fühlen wir ihm also mal weiter auf den Zahn, um seinem Zauber auf die Spur zu kommen

Wertvolles aus der Wiese

Erinnert sich noch jemand an den zart rosanen 500 Mark Geldschein nach der Wiedervereinigung? Nun, mutmaßlich nicht, schade aber auch, denn in der Tat zierte ein wunderbar gezeichneter Löwenzahn als Reminiszenz an die großartige Naturwissenschaftlerin Maria Sibylla Merian die Rückseite, im übrigen eines der wenigen Pflanzen, denen eine solche Ehre und Präsenz auf einer Banknote zuteil wurde.

Löwenzahn scheint also wertvoll zu sein. Und tatsächlich uralt. Pollen fand man bereits im England der Eiszeit. Ein betagter Erdenbewohner, der also roundabout 100.000 Jahre auf dem Buckel hat.

Sein Stängel ist voller milchigem Saft – ein Zeichen für seine nährenden Charakter, kraftgeladen ohnedies, das hatten wir ja schon, aber er schafft selbst Asphalt. Da, guck, auf der nächsten Verkehrsinsel findest du ihn sicher. Irre, oder? Seine Pfahlwurzeln durchbohren jeden Boden und lockern ihn, gerade die derzeit so verdichteten.

Die goldgelben Blüten sind bestes Bienenfutter, voller Pollen und Nektar. Er trägt die Signatur der Sonne und des Mondes in sich und ist ein Verwandlungskünstler par excellence. Nicht zuletzt für deinen Stoffwechsel.

Also von wegen lästiges Unkraut. Löwenzahn macht dich heil und fit. Du kannst ihn gut für deine Speisen anwenden. Gut gekaut, halb verdaut. Pflücke gerade im frühen Frühjahr ein paar Blättchen und dann gehst du in die Küche und zerkleinerst sie achtsam. Trink ihn als Tee, tu ihn in die Suppe, gib ihn in den Smoothie oder in den Salat. Oder, wie keck ist das denn? Mach Kringelspaghetti aus seinen Stängeln. Egal was du machst. Löwenzahn ist ein Booster für deine Zellen.

Er schmeckt zunächst zitronig mit bitterem Abgang. Manche kaufen teure Spirituosen, um dieses Geschmackserlebnis zu haben. Du bist weiser und nutzt den Klassiker für deine körperlichen und vielleicht auch seelischen Reinigungen.

Löwenzahn - das Detox Kraut

Denn Löwenzahn entgiftet dich. Alle Ablagerungen des Winters spült er aus. Er ist reich an Mineralstoffen und Vitaminen und du kannst ihn mehrere Wochen jeden Tag in kleinen Dosierungen zu dir nehmen. Und du wirst merken, wie dich das entschlackt. Das ist ein Detox aus der Wiese.

Weil er voller Bitterstoffe ist. Er regt deine gesamten Verdauungssäfte an. Die Leber nimmt dankbar seine Unterstützung an. Er ist das klassische Leber-Lebens-Elixier. Die Galle ist froh, neu in Fluss zu kommen. Die Bitterstoffe regen den Darm an , der nun munter wird nach so viel winterlicher Trägheit oder dem jetzt verordneten Stubenhocken.
Die Nieren wundern sich, dass sie plötzlich so viel zu tun haben.

Er tut jetzt einfach gut. Lass ihn wirken. Denn er bringt dir auch im übertragenen Sinn den Frühling zurück. Löwenzahn lockert nicht nur im Boden Verdichtungen, sondern auch ganz tief in dir vermag er Aufgestautes in gelbe Sonnen zu verwandeln. Eben ein Zauberkünstler. Er könnte selbst in der Massentierhaltung zum Beispiel zuverlässig vor Infektionen schützen, würde man ihn lassen.

Sonnenzauber

Lass uns noch weiter zaubern. Du kannst dir im April die Augen reiben, denn plötzlich siehst du auf der Wiese auf einmal ganz viele kleine Sonnen.

Gelb und satt strecken sich die markanten Blütenköpfe ins Licht. Sie riechen nicht lieblich wie die Rosen. Sie erinnern nun, sie erinnern an Pipi, so dass die Franzosen das gute Kraut “Pis en lit”, Bettnässer, nennen – was aber auch mit seiner Eigenschaft zu entwässern zusammenhängt.

Du kannst die Blüten dann in etwas ganz Großartiges verwandeln. Mach Löwenzahn zum Likör. Indem du deine Blüten pflückst, so 40 an der Zahl und einfach, wenn die Sonne scheint pflücken und mit hochprozentigem Korn übergießen und mit etwas Süße und ein paar Wochen stehen lasse und du wirst sehen. Das ist auch ein Zauber.

Ein Schluck Löwenzahnblüten-Likör und es durchfährt dich lichtgelb, wie goldener Honig, der durch die Kehle rinnt. Und was dann passiert, wirst nur Du allein wissen. Zauberhafterweise sind Löwenzahnblüten in Alkohol konserviert ein wunderbares Gegengift gegen nun ja, eben ein Zuviel an Alkohol. Als Tinktur in Tröpfchen genossen, vermag er unsere Leber noch intensiver unterstützen.

Wer es deftiger mag, kann die Blüten obendrein in schmackhafte Kapern verzaubern. Wie das genau geht, erfährst du in unseren Folgennotizen.
Doch die Magie hört auf der Erde nicht auf. Blicke ins Reich der Finsternis und unter die Krume. Lass uns die Wurzel nicht vergessen. Wurzeln sind stets das Wertvollste, was nicht nur Pflanzen haben. Die Wurzeln verankern Lebewesen und schenken Kraft und jedes Jahr aufs Neue neues Leben.

Löwenzahn ist ein solches Kraut voller Leben, ein Kraut, das wir restlos nutzen können. Zugegeben. Es wird jetzt etwas mühsam. Denn die pfeilspitzen Wurzeln lösen sich nur ungern aus dem Erdreich, in das sie sich so kräftig gebohrt haben. Doch wenn es gelingt, sie rauszuziehen, kannst du sie trocknen. Und – noch ein Zauber. Als Kaffee trinken.
Was?!

Pusteblume

Du röstest sie und malst sie anschließend und dann. Ja, hat man ein etwas eigenwilliges, aber kaffeebitteres Pulver, das man mit Hafermilch zu einem ganz besonderen Café au lait verwandeln kann.

Genug der Hexerei. Oder nein, eines noch. Die zauberhaftestes Verwandlung überhaupt. Eine magische Metamorphose, die sich die Natur da ausgedacht hat, um ihre Großartigkeit in die Welt zu pusten und dir ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

Denn irgendwann verschwinden die gelben Sonnen und es wird eine Weile ganz still. Und dann erheben sich die zartesten Gespinste der Pflanzenwelt gen Himmel. Kleine Sternchen formen je eine silbrige Kugel, so zerbrechlich, dass die kleinste Bewegung das kostbare Gebilde zum Fliegen bringt.

Die Pusteblume erblickt das Licht. Die hellen Schirmchen schrauben sich in die Lüfte und tragen ihren Samen übers Land. Traumhaft und leicht. Ganz leicht.