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Kraut im Ohr

– Folge 30 –
Kräuter-Essay:
Scharfmacher Meerrettich

SHOWNOTES

Falls es dem Jahr bislang an Schärfe fehlt: Hier kommt sie. Kaum eine Pflanze, auf die wir so heftig reagieren, die aber zugleich ein großartiges Nahrungs- und Heilmittel ist.

Der Meerrettich verlässt mit seiner Wurzelkraft den Untergrund und tritt ins Rampenlicht als Heilpflanze des Jahres 2021. Daher widmen wir ihm einen verschärften Essay, gepfeffert mit Infos zu seiner wahnsinnigen Wirkmächtigkeit. Setz schon mal die Taucherbrille auf.

FOLGENNOTIZEN

Scharfe Tipps für Küche und Krankenbett

Meerrettich Auflage
Gegen Schniefnase, Stirn- und Kieferhöhlenentzündung, Kopfschmerzen
1 EL frisch geraspelte Meerrettichwurzel auf ein Taschentuch und mit der Stoffseite auf die Haut (bei Kopfschmerzen ist das der Nacken) legen. Spürst Du es schon brennen?
Bitte nur 5 Minuten und dann im Anschluss mit (Johanniskraut-)Öl einreiben.

Kandierter Meerrettich
Von September, wenn die ersten Blätter gelb werden, bis zum Neuaustrieb im April kann die Wurzel geerntet werden. Mit nachfolgendem Rezept kannst du Meerrettich süß einlegen und haltbar machen.

Du benötigst:

  • 300 g Meerrettich
  • 300 ml Wasser
  • 1 Chilischote
  • 200 g Zucker
  • 1 EL Senfkörner
  • Glas für 500 ml Inhalt

So legst du ihn ein:

  1. Meerrettich in Würfel und Chilischote in Ringe schneiden.
  2. Meerrettich mit Zucker, Senfkörner und Chili-Ringen ins Wasser geben.
  3. Eine halbe Stunde köcheln lassen.
  4. Das Ganze in ein verschließbares desinfiziertes Glas füllen und verschließen.

Der kandierte Meerrettich ist etwa ein halbes Jahr lang haltbar.

 

QR CODE Bestimmung

Übrigens gibt es ein ganz witziges Mitmach-Projekt. Wer in der Stadt vielleicht seinen Meerrettich öffentlich machen möchte, kann an die Pflanze einen QR Code hängen, den Neugierige dann abfotografieren und auf eine Bestimmungs-Seite im Netz kommen.
Das Ganze nennt sich “Mitmach-Projekt QR Bestimmung“. Dort findest du auch die Vorlage zum Meerrettich.

TIPP

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TRANSKRIPT

Kräuter-Essay: Scharfmacher Meerrettich

Wer glaubt, wir würden uns immer nur mit den Lieblichkeiten aus der Wiese beschäftigen, wird heute eines Besseren belehrt. Heute graben wir uns tief unter die Erde und tauschen die grüne Welt des Zarten durch die geballte Kraft eines krassen Scharfmachers in Beige und Braun ein. 

Aus dem Untergrund hat sich seine Wurzel tatsächlich auf die Bühne der Weltgeschichte gegraben, feiern wir doch im Jahr 2021 seine Heilkraft als Pflanze des Jahres. Die Rede ist vom Meerrettich, den Alpenbewohner*innen eher unter Kren bekannt.
Schärfen wir mal unsere Blicke und blicken auf seine äußere Gestalt.

Sterne im Beet

Nun, es handelt sich um einen Kreuzblütler, wunderschön anzuschauen, wenn seine kreuzförmigen Blüten wie weiße Sternchen seinen Standort in ein Himmelszelt verwandeln. Er hat markante Geschwister, die uns wohl bekannt auf Tellern daherkommen und uns so manchen deftigen Wintereintopf bescheren. 

Der Kohl zum Beispiel, also – Blumenkohl, Rosenkohl, Chinakohl, Kohrabi, der Weiße und der Rote Kohl. Ebenso ist er mit dem Senf verwandt, mit den freundlichen Gesellen der Radieschen, dem dicke Bruder Rettich oder mit seiner oft absolut zu unrecht verschmähten Schwester Steckrübe.

Heute aber der Meerrettich. Im besten Fall kennen wir seine Pfahlwurzel, ein schwarz-weißes Meisterwerk, das nur ganz selten einen Platz in unseren Kühlschränken ergattert. Zu Unrecht, wie sich noch zeigen wird. Doch vorab ins Beet. Allein sein buschiges Blattwerk oberhalb der Erdkrume könnte eines jeden Gartens Zierde werden. Meerrettich wird so groß wie ein Kleinkind und hält Frost bis Minus 50 Grad aus. 

Im Frühjahr verraten seine zarten weißen Blüten mit keinem Wort, was für eine Gewalt da unter der Erde heranwächst. Von Mai bis Juli erblicken Kundige die wie Trauben angeordneten Blütenstände, blütenweiß eben und stark duftend. Dufte übrigens auch als Salat-Deko – und lecker obendrein. 

Die Blätter sind ziemlich lang und ausufernd, bis zu einem halben Meter, recht spitz, gekerbt und wirken irgendwie genervt. Also ihre Blattnerven sind gut zu sehen. Sie liefern dir auf Anhieb einen ´gschmackigen Gemüsesnack oder sind sogar eine Wohltat als Tee.
Aber dann.

Eine Wurzel voller Wunder

Dann gräbst Du dich tiefer in sein Geheminis, willst der Sache auf den Grund gehen und die neue Entdeckung an der Wurzel packen. Die gleichen Pastinaken und Petersilienwurzeln, sind oft aber dunkler und dünner. Wie gespenstische Finger einer Geisterhand greifen sie in diesem Jahr nach unserer Aufmerksamkeit.

Unbedarft näherst du dich vielleicht mit einer Gemüseraspel der neuen Küchenzutat und dann – dann geschieht etwas schier Unglaubliches. Du hörst die Engelchen im Himmel singen. Es quillt aus Augen und Nase, du heulst buchstäblich Rotz und Wasser. Es läuft und trieft, dass es eine wahre Wonne ist. 

Wohl dem, der ein Taschentuch parat liegen hat. Solltest Du zuvor noch naiver gewesen sein und einfach mal beherzt in die Wurzel gebissen haben, so geschehen bei mir vor ein paar Jahren, verwandelst Du dich wiederum augenblicklich in einen Karpfen. Die Augen treten glubschig hervor und Dein Mund ahmt die Schnappatmung des dicklichen Fisches nach, die Kehle schnürt sich zu und Du weißt tatsächlich eine Weile nicht so recht, ob Du nun Fisch oder Fleisch bist. 

Und vor allem: wie denn wohl wieder an Luft zu kommen ist.
Dabei wirkt der Rachenputzer wie kein Zweiter als Balsam für die Atemwege. Wie das – in Dreiteufelsnamen? Wie kann etwas so Irrsinniges, etwas, was bei den Katholiken in manchen Gegenden an Ostern als Erinnerung ans Leiden Christi extra gesegnet wurde, ein Heilmittel sein?

Überlegen wir jetzt mal scharf.

Meerrettich hat als Heilpflanze schon ein paar Jahrtausende auf dem Buckel. Heimisch in den östlichen Gefilden Europas verbreitete er sich durch den Gartenfreund Karl den Großen (wir erinnern uns – das war so um 800 nach Christus) – und gräbt sich seitdem durch die Krumen. Er liebt es tiefgründig, und das ist es auch, was ihm die Ehre in diesem Jahr einbrachte.

Krokodilstränen in der Küche

Meerettich ist voller grandioser Inhaltsstoffe, allen voran die Senföle, die einer Zeit wie dieser so manchen Virus austreiben kann. Allerdings muß man sie dazu eben beweinen. Rettich verströmt beim Verarbeiten einen Geruch, der dich unmittelbar zum Heulen bringt. Du weinst dicke Krokodilstränen, um seinen Schatz zu heben. So ist das einfach manchmal. Doch genau darin liegt das Geheimnis.

Seine Senföle verhindern, dass sich Bakterien und Keime vermehren. Nun hast du den Abwehrkräfte-König in Händen, er schält sich aus seinem dunklen Mantel und entblättert seine Wirkung, wenn Du ihn weiter zerkleinerst, reibst und in dich aufnimmst.
Hören wir mal wieder die gute Hildegard von Bingen, die bereits vor knapp 1000 Jahren die Blätter des Rachenputzes pulverisierte und damit a votre sante – auf die Gesundheit – in Wein aufgelöst ein Prosit aussprach.

Scharf wie dein Küchenmesser lässt er neue kulinarische Köstlichkeiten zu. Du kannst ihn mit Quark verjüngen, ihn mit Roter Bete vereinigen oder mit einem Apfel versüßen. Er schmeckt zu Geräuchertem und bringt Bewegung in jedes Essen und hilft auch im Nachgang nach so manchem Festmahl.

Wer ihn kocht, erlebt eine wundersame Verwandlung – er wird milder, allerdings dann auch weniger heilkräftig. Auch im gekauften Glas kommt er bereits entschärft daher. Ja, du kannst ihn in Essig einlegen und über Kohlsalaten pointiert servieren oder – sogar kandieren. Mit Wasser, Chili, Zucker und Senf verköcheln und im Schraubglas haltbar machen. Wie? Erfährst Du in unseren Shownotes.

Er lässt sich zudem einfrieren und mit Zitronensaft versehen bewahrt er sich sein frisches Weiß. Tiefgekühlt oder nicht: Sein Genuss bleibt so oder so eine Weile in Erinnerung. Die Scharfstoffe lassen die Nase kribbeln, die Zunge wird leicht taub, am Gaumen zieht es sich zusammen, aber dann. Dann atmest Du, als wärest du frisch geboren.

Mächtiges Heilmittel

Begrüße seine Reize mit offenen Sinnen. Er verschenkt sich für uns, wenn wir ins Stocken geraten sind. Wenn die Durchblutung schwer fällt, der Darm müde ist und wir von einer allgemeinen Trägheit etwa nach diesem langen elenden Winter befallen sind. 

Er legt sich auf unseren Brustkorb mit brennender Neugier, lässt seinen Senfölen freien Lauf und schenkt uns damit nicht nur einen freien Atem sondern befreit uns von so mancher Bürde. Er hilft gegen Verdauungsbeschwerden – oder löst in Mengen herunter gewürgt Erbrechen aus, für den Fall, dass Du Dich vergiftet hast. Hm, er schlägt also auch auf den Magen, empfindsame Seelen sollten sich also hier doch in Acht nehmen.

Der Pferderadi ist mächtig. Er kurbelt deine Fettverdauung an, denn teuflisch sind seine schwefelhaltigen Substanzen im Verbund mit Enzymen. Er hilft mutmaßlich auch gegen Vampire, aber zeigt tatsächlich sogar Krebszellen die Stirn. Wunder wirkt er bei Kopfschmerz. Mach Dir dazu einen Breiumschlag. Aus dem Kräuterbuch der Treiner Rosa, einer großen alten Kräuterweisen aus dem Ultental in Südtirol, die 88 Jahre alt wurde und anno domini 2000 verstarb, erfahren wir, dass sie ihren Kren mit Milch und Rüben und Mehl zu einem Brei auf die Brust legte.

Aber OBACHT – Sei auf der Hut, wenn du ihn auf die Haut aufbringst. Meerrettich heizt dir dermaßen ein, dass du dich vorsehen mußt. Befreie dich nach rund 5 Minuten von diesem Kraftpaket. Denn er nimmt seinen Job eben sehr ernst. Doch Bruder Johanniskraut steht schon bereit und sein Öl vermag sofort deiner Haut zu helfen.

Und so löst der Kreuzblütler Verspannungen, er nimmt Gicht den Griff und nimmt den Kampf gegen böse Eindringlinge wie Streptokokken oder Schimmelpilze auf. Wohl dem, der eine Tinktur angesetzt hat. Wie das geht, erfährst Du bei Kraut im Ohr übrigens auch.
Er lindert Entzündungen im Rachen. Er ist deine Wunderwaffe bei Infekten aller Art, kein Wunder also, dass ihn Kinder früher um den Hals trugen. 

Scharf und sexy ist er übrigens auch: Möchtest Du wissen, welches Geschlecht Dein ungeborenes Kind hat? Dann lege je eine Meerrettichwurzel unter dein Kopfkissen und unter das deines Partners. Wessen Wurzel zuerst schwarz wird, dessen Geschlecht gewinnt. Doch Achtung – weil er so sexy ist, ist er nicht jugendfrei. Seine Schärfe ist nichts für Kinder.

Doch wir schweifen ab.

Noch mal zum Erinnern: Meerrettich ist eine Wohltat für die Bronchien, ein Blutdruckregler, sagt Grippe und Erkältung den Kampf an und lindert Darmgewitter. Bei Insektenstichen wirkt er desinfizierend, Seine Umschläge sind durchblutungsfördernd bei Kreuz- und Kopfschmerzen. Lege ihn in Honig ein und dein Husten hat keine Chance mehr.

Willkommen im Garten

Probiere mal, ihn anzusiedeln. Schnapp Dir eine Pflanze und steck sie ab Anfang April in einer sonnigen Ecke leicht schräg in den Boden- und guck, was passiert.
Wenn sie austreiben will, entdeckst Du vielleicht bald schon eine ganze Schar an markanten Blättern, die ans Tageslicht purzeln. 

Sie sehen ein bisschen aus wie der große Ampfer. Meerrettich liebt die Gesellschaft von Brennnesseln. Übrigens: Eine großartige Kombination zweier Marspflanzen, die für unser Wohlergehen ihre Wehrhaftigkeit einsetzen. Meerrettich liebt es feucht, braucht aber sonst wenig Pflege. Seine Genialität entfaltet er wie so vieles in der Natur ganz ohne unser Zutun.

Messerscharf kombiniert

Nähere dich also dem scharfen Gesellen mit Respekt und vorsichtigem Zutrauen. Sein Name verrät es armoracia rusticana, nein hier steckt nicht Amors Pfeil im lateinischen Namen, sondern die Waffe. An seiner Wirkung kann kein Zweifel sein, heftig reagieren unsere entwöhnten Sinne auf seine Reize. Höre zu, was er uns einflüstert.

Denn die Natur verschlüsselt die besten Therapien in Codes für Spurensuchende.
Wir kennen das seit Hippokrates: „Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel sein und eure Heilmittel sollen eure Nahrungsmittel sein.“

Meerettich hilft uns. Bestimmt und gerade jetzt im Virenoverload. Und wir haben das vergessen. Daher bedanken wir uns im Jahre 2021 ganz besonders für seine Heilkraft und hoffen, dass seine Wurzel wieder mehr Licht sieht.