1

Kraut im Ohr

– Folge 41 –
Wundermann Gundermann: Ziemlich viel Zauberhaftes über ein Herzblatt aus der Wiese

SHOWNOTES

Er ist ein Herzblatt unter den Kräutern. Gundermann ist leicht zu erkennen, nicht zuletzt an seinem intensiven Geruch. Du kannst ihn bei fast jedem Spaziergang entdecken. Glaubst du nicht? Dann bück dich: Willst du Gundelreben pflücken, musst du dich zu Boden bücken”, so heißt es.

Gundermann ist ein “Wundermann”. Von Wundheilung über Bierzutat bis hin zum Hellsehen: Der Lippenblütler hat es in sich. In dieser Folge erfährst du jede Menge Zauberhaftes.

FOLGENNOTIZEN

Buchtipps - Gundermann

Einen wunderbaren Aufsatz zum Gundermann findest Du bei dem sowieso absolut großartigen Werk “Medizin der Erde: Heilanwendung, Rezepte und Mythen unserer Heilpflanzen” von Susanne Fischer Rizzi aus dem Jahr 2005.

Lassen wir noch einen Mann zum Gundermann zu Wort kommen. Ein sehr schön gemachtes Buch und ein idealer Geschenk-Tipp ist auch:

Christophe de Hody: Der Wildkräuter-Sammler. Essbare Pflanzen am Wegesrand. Ganz frisch auf Deutsch von 2020. Er verrät einen bombastischen Nachtisch mit Gundermann.

Gundermann-Giersch-Sirup

ZUTATEN
5 unbehandelte Limetten,
2 unbehandelte Zitronen,
600g Zucker (300-400 reichen auch)
1 Vanilleschote,
10g Gundermannblätter,
40g Gierschblätter

ZUBEREITUNG
Limetten und Zitronen heiß abspülen, Schale dünn abschälen, Saft auspressen.
Schale und Saft in einen Topf mit ½ Liter Wasser geben.
Zucker und Vanilleschote zufügen.
20 Minuten einkochen lassen.
Die Kräuter in eine Schüssel geben, Sirup heiß durch ein Sieb darüber gießen.
Zugedeckt über Nacht ziehen lassen.
Erneut durch ein Sieb gießen, nochmals aufkochen und in saubere Flaschen abfüllen.

Transkript

Herzen im Gras

Da liegen sie. Grüne Herzen, dick geädert. Sonnenbeschienene Glanzlichter des Frühlings. Dunkel und kräftig. Pumpen Lebenssaft aus der Wiese. Pulsschläge für deine Gesundheit.

Denn dieses Kraut hat das Zeug zum Shooting-Star in Corona-Zeiten.

Was ist so besonders an etwas, was wir für gewöhnlich mit Füßen treten? Welche Geheimnisse sprießen aus dem vom Winter befreiten Boden? Was erzählt eine solche Pflanze uns heute? Erzählt sie überhaupt und: wer hört überhaupt zu?

Legen wir unser Ohr auf die Erde und lauschen einfach mal. Doch vorab geben wir dem kriechenden Kraut einen Namen. Gestatten. Gundermann oder auch Gundelrebe.
“Willst Du Gundelreben pflücken, musst du dich zu Boden bücken”, heißt es recht lakonisch. Man sagt, dass gute Wald- und Hausgeister gern unter den Blättchen wohnen.

Der Gundermann - ein Lippenblütler

Bevor wir aber hören, sehen wir. Was sehen wir? Fleischige Blätter in sattem Grün, herzförmig und hübsch. Ganz zaghaft wagt sich eine lippenartige Blüte in Lila ans Licht. Die erste Spur. Ein Lippenblütler. Zu den bekannten Vertretern aus dieser Familie gehören zum Beispiel auch Salbei, Minzen oder Lavendel.

Ihre Blüten sind allesamt trickreich geformt und laden von April bis Juni Bienen zum Festmahl ein.Gundermann mag es feucht und nährstoffreich. Zu deutsch: Ein bißchen Dünger aus dem Grundwasser schadet seinem Wachstum nicht.

Wenn wir uns weiter herantasten, könnten wir die Blätter einfach mal zwischen die Finger nehmen und leicht zerreiben. Ein intensiver Duft steigt auf. Ätherische Öle müssen im Spiel sein.

Zauber und Magie

Gundermann ist so was wie ein Zaubertrank-Zusatz. Mönche des Mittelalters haben ihn ins Bier getan – bis die Kirche dahinter kam, dass das Kraut ganz schön anregend wirkte. Man hat den guten Gundermann daher durch den einschläfernden Hopfen ersetzt.

Es gibt Nächte, die voller Magie sind, dazu zählt die Walpurgisnacht. Hier ist vieles möglich und Pflanzen werden zu Hellseherinnen. Wer einen Kranz aus den Ranken des Gundermanns flechtet und auf den Kopf setzt, kann jede Hexe im Dorf erkennen.

Gundermann ist dem germanischen Donnergott Thor geweiht. Um das Haus vor seinen Blitzen zu schützen, haben ihn so manche Bäuerinnen verflochten und einen Segensspruch gemurmelt. Männer umgürteten ihre Lenden. Ob seine magischen Spuren noch heute zu finden sind?

Neunkräuterzutat

Begeben wir uns auf die Suche in die Küche, wo traditionell viel gezaubert wird. Hier finden wir ihn in der Neunkräutersuppe. Das klingt geheimnisvoll und ist es auch.

Man glaubte, durch den Verzehr von bestimmten Kraft-Pflanzen selbst neue Kräfte zu bekommen. Eine heilende, heilige Brühe, viel mehr als eine Suppe. Ein guter Geist darin ist der Gundermann, ungefährt ab Ostern rum auf den Wiesen rund um die Höfe zu finden. Daher bereiteten die Frauen die Suppe zu Gründonnerstag zu. MIt reichlich frischem Frühlingsgrün.

Wir haben gesehen und gefühlt und vielleicht wagen wir nun, ihn jetzt selbst zu essen. Gundermann ist nicht nur essbar. Er schmeckt. Markant. Herb. Männlich vielleicht.

Du kannst gerade die jungen, ersten, zarten Blätter gut in der Küche nutzen. In Suppen und im Salat, hervorragend zu Gurkengerichten. In Salz konserviert erhälst du sein Aroma das ganze Jahr über.

Und wie schräg ist das? Erstaunlicherweise ist er in flüssiger Schokolade getränkt und wieder erkaltet eine ziemliche Delikatesse.

Wer seine Sinne noch weiter öffnet, wer wach genug ist, sich auf die Heilkräfte der Natur einzulassen, ist mit der Geschmacksreise noch lange nicht am Ende angekommen.
Wenn du ihn in Öl einlegst, hast du ein wunderbares Wundöl.
In einem Apfelessig-Wassergemisch klärt er unsere Gesichtshaut, im Verbund mit Schwester Salbei und nun ja, Doppelkorn, gibt er eine desinfizierende Mundspülung ab.

Soldatenpetersilie

Sein Name ist eigentlich nicht so appetitlich. Gund heißt Eiter. Und ja, er heilt vor allem Wunden, die die schlecht heilen, die die faulen.
Szenewechsel. Ein Schlachtfeld. Gundermann war in der Nähe, wenn Soldaten kämpften, wenn Schüsse fielen und Menschen bluteten. Gundermann bot seine in der Nähe an und die Soldaten griffen zu. Machten Umschläge aus seinen Blättern und peppten ihr fades Essen aus. So hieß das Kraut noch lange: Soldatenpetersilie.

Jetzt ziehen wir in den Krieg gegen Corona. Was wäre, wenn er hier lindern könnte?
Als Frühlingskraut hat er wie seine Geschwister Löwenzahn, Giersch oder Brennnessel eine Turbo-Wirkung aufs Immunsystem. Er unterstützt die Abwehrkräfte und regt den Stoffwechsel an.

Doch das ist noch nicht alles. Gundermann verfügt über Stoffe, die kluge Leute Saponine nennen. Die wirken schleimlösend. Bei Atemwegserkrankungen. Gundermann hilft ganz bestimmt bei Schnupfen und Husten und erleichtert den Lungen das Leben.

Er hat also Kräfte. Es liegt an uns, ob wir sie aufsuchen. Aber vielleicht setzt er sie dem Virus entgegen. Vielleicht wird er zum Shooting Star in Corona-Zeiten.

Wir für dich

Podcast